Dienstag, 31. Mai 2016

"Ich bin nicht ich, wenn du nicht da bist." (Teil 1)


"Ich weiß, dass du das nicht hören willst", sagt er zu mir. 
Schön, denke ich, wieso tust du es dann trotzdem?


Es ist schon spät. Die Sterne erleuchten den Himmel, die Vögel haben schon aufgehört zu singen und die Fenster der Häuser sind dunkel. Alles ist still.
Aber die Stille der Nacht spiegelt sich nicht in meinem Inneren wider. Sie bildet einen Kontrast dazu. Alles in mir ist in Alarmbereitschaft. Ich weiß, dass es jetzt kommt. Dass es jetzt soweit ist. Es gibt kein Zurück mehr. Mein Körper stellt sich instinktiv auf Flucht ein. Flucht vor den Worten und den Gefühlen, die man erwidern sollte aber nicht erwidert. Einen Ausweg suchend, obwohl man weiß, dass es längst keinen mehr gibt. Der Zug ist abgefahren. Ich sitze schon fest. Fest, in einer Beziehung, die ich nicht erwidern möchte, nicht erwidern kann.

"Du weißt, wie gern ich dich hab. Du weißt, dass ich echte Gefühle für dich hege. Wir kennen uns jetzt schon so lange. Und jedes Mal, wenn ich dir gesagt habe, dass ich dich liebe, hast du nichts erwidert. Das macht mich wahnsinnig! Jetzt sag doch endlich was!"

Ich sehe ihm seine Wut an. Seine Augen sind eng, zornig. Sie suchen mein Gesicht nach einer Reaktion ab. Sie suchen nicht nur nach einer Reaktion - sie erwarten eine Reaktion. So wie ich mir eine Reaktion von mir selbst erhoffe. Weil ich ihn nicht noch wütender machen möchte.

Ich mag ihn. Ich mag ihn wirklich. Aber eben nicht so sehr, wie er mich mag. Gefühle lassen sich nun einmal nicht erzwingen. Entweder sind sie da oder halt nicht. So einfach ist das in meiner kleinen Welt.

Aber das versteht er nicht. Er versteht nicht, dass wir uns auf verschiedenen Ebenen befinden. Für ihn müssen Gefühle immer direkt erwidert werden. Und zwar genau so, wie er sie empfindet. Liebe ist nur echt, wenn man die drei kleinen magischen Worte sagt. Alles andere zählt nicht.

Wir haben uns auf der Strecke des Weges verloren. Er ist stecken geblieben, während ich schon weiterlaufe. Weiter renne. Davon renne.

Weg hier! schreit mein Körper. Antworte ihm. Jetzt! schreit mein Kopf.

Es ist zu spät, sich etwas vorzumachen. Und auch zu spät, ihm etwas vorzumachen. Er hat mich durchschaut. Er hat durchschaut, dass mein Lächeln ein gequältes Lächeln und meine Küsse nur flüchtige Besänftigungsküsse sind. Meine Blicke streifen sein Gesicht nur noch, schon nach anderen Abenteuern suchend.

"Es ist aus. Es tut mir leid"

Mehr bringe ich nicht hervor. Ich schaue ihm ein letztes Mal in seine blassblauen Augen. Sie sehen so traurig aus wie das Meer an einem verdammt regnerischen Tag. Mehr grau als blau.

Ich drehe mich um. Weg hier. Endlich. Das Lügenspiel hat ein Ende. Endlich.

"Das kannst du nicht machen! Komm zurück!!"

Er brüllt mir hinterher. Ich weiß genau, dass bald die Anschuldigungen und Beleidigungen kommen. Ich hätte ihn nie geliebt. Unsere Beziehung wäre nur eine Farce gewesen.

Vielleicht bin ich nicht fähig, echte Gefühle für einen Menschen aufzubauen. Gefühle, die länger als die erste Verliebt-Sein-Phase andauern. Gefühle, auf denen die wahre Liebe aufbaut. Ich weiß nicht, wie man es schafft, dass das erste Verliebt-Sein anhält. Bis jetzt habe ich viel zu schnell gemerkt, wie langweilig eine solche Beziehung zu sein scheint.

Endlich wieder alleine. Ich muss ab sofort niemandem mehr Rechenschaft schulden. Ich muss niemandem meine Gefühle erklären und wieso ich genau so fühle oder eben nicht fühle.
Ich muss nichts mehr vorspielen. Ich kann endlich wieder ich selbst sein.